Von der Angst die Seele zu sehen
»Das Leben der Menschen hat viele Facetten. So viele Facetten; auf den ersten Blick kaum erkennbar. Doch wenn man in ihre Augen blickt, sieht man es. Ihre Erfahrungen, ihre Sorgen, ihr Glück, ihr Sein. Ihre Seele.«
Nervös trat ich von einem Bein aufs andere. Der Menschenauflauf auf dem großen Platz vor dem örtlichen Rathaus hat jedes Mal dieselbe Wirkung auf mich, dennoch konnte ich mich nicht davon abhalten, trotzdem hierher zu kommen. Dafür gefiel mir das Rathaus und die daran anschließende Bibliothek viel zu sehr, als hätte ich darauf verzichten können.
Jedes Mal lief mir kalter Schweiß den Rücken herunter, bis er am Hosenbund versiegte, so wie jetzt auch. Wie gelähmt stand ich vor dem Brunnen, einer großen Statue Neptuns, die für mich keinen Mehrwert darstellte. Sie passte nicht zu dem Stil des Rathaus und schon gar nicht zu dieser Stadt. Menschen kamen auf absurde Ideen, wenn sie sich vornahmen, etwas zu gestalten oder neu zu erfinden. Sie sahen nicht die kleinen Dinge. Dinge, die auf dem ersten Blick nicht erkenntlich waren, auf dem zweiten dafür umso mehr. Aber die Menschen schauten kein zweites Mal, sie beließen es beim ersten, oberflächlichen Blick. Etwas, das mir nicht passieren konnte.
Tief einatmend gab ich mir einen Ruck, versuchte nicht auf die Menschen zu achten, deren Augen sich in mein Gehirn brannten. Hinterlistig suchten sie die winzigste Lücke, die es ihnen zuließ, mich in den Wahnsinn zu treiben. Sie spuckten mir ihr Leben ins Gesicht, ohne Rücksicht.
Hastig, den Blick auf den Fußboden gerichtet, schlängelte ich mich an den Menschen vorbei. Die Bibliothek sah neben dem Rathaus nicht weniger prächtig aus, obwohl sie um einiges kleiner war. Zwar waren nötige Restaurationen an ihr vorgenommen worden, aber ansonsten sah sie noch so aus wie vor einigen hundert Jahren. Der Geruch, die Atmosphäre und die Bücher ließen erahnen, dass sie schon so alt war.
Mit Bedacht stieß ich die Tür auf. Sofort war wieder dieses Gefühl da. Das Gefühl, nach Hause zu kommen.
Das riesige gewölbte Dach durchflutete den großen Raum mit dieser gewissen Art von Licht, die es so wirken ließ, als wäre man in einer anderen Welt.
„Entschuldigung?“ Jemand tippte mir mit seinem Finger auf die Schulter. Sofort schloss ich meine Augen und mein Herz fing an zu rasen. Zum ersten Mal sprach mich hier jemand direkt an. Keine Ausflüchte. Ohne mich umzudrehen, öffnete ich die Augen und stellte das Buch zurück ins Regal, das ich, ohne es überhaupt angeschaut zu haben, aus dem Regal genommen hatte.
„Ja?“, fragte ich zittrig, nahm dabei aber ein anderes Buch aus dem Regal. Es war natürlich unhöflich, aber ich konnte mich einfach nicht umdrehen. Das nahm mir dann aber plötzlich diese Person ab. Erschrocken über diese Direktheit riss ich mich los und trat ein paar Schritte zurück. Ich sah sie nicht direkt an, aber die Frau war schön. Anders konnte man es nicht sagen. Lange, blonde Haare, relativ groß, blass und kaum geschminkt.
„Tut mir Leid, ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich beobachte Sie nur seit einigen Wochen. Sie kommen jeden Tag um exakt dieselbe Zeit hierher. Und kaum sind Sie hier drin, strahlen Sie etwas ganz Anderes aus, als auf dem Rathausplatz. Das hat mich neugierig gemacht.“
Auch wenn ich es fast ständig zu vermeiden versuchte, meinem Gegenüber in die Augen zu schauen, konnte ich dieses Mal nicht anders. Ich hatte schon so lange nicht mehr in Augen gesehen, dass es mich vollkommen überwältigte. Das Blaugrün ihrer Augen hatte ein ungewöhnliches Muster; es sah fast aus, als würden sie sich im Licht ein bisschen bewegen.
Und je länger ich in ihre Augen blickte, desto leichter wurde mir das Herz.
Überraschenderweise.
Sie schien mit einer solchen Leichtigkeit durchs Leben zu gehen; mit einer solchen Sensibilität, die mir fast den Atem raubte. Ich war es nicht gewohnt, einem Menschen zu begegnen, dessen Seele nicht voller Sorgen und Ängste war. Ihre war nahezu unbefleckt. Und so sprach ich zum ersten Mal seit einiger Zeit wieder.
„Das stimmt wohl. Aber warum interessiert Sie das?“ Ein wenig skeptisch war ich immer noch, irgendwie traute ich der Ruhe ihrer Seele nicht. Sie war zu rein...
„Weil Augen eine Menge sagen.“ Das war alles, was sie sagte. Aber ich hatte sie verstanden.









